Hessen liegt in der Mitte Deutschlands, und seine Landschaft macht diese Zwischenlage deutlich sichtbar: Flusstäler mit Weinbergen, bewaldete Hügel, die sich zu regelrechten Bergwanderwegen aufschwingen, und alte Marktstädte, die nie zu Großstädten heranwuchsen. Das Tempo bestimmt hier das Land selbst. Am Rhein, in dem als Rheingau bekannten Gebiet, tragen steile Hänge seit Jahrhunderten Reben. Riesling ist die Rebsorte, die das Gebiet prägt, angebaut auf Terrassen über Orten wie Rüdesheim, Eltville und Geisenheim, wo der Fluss eine Biegung macht und die Hügel die Nachmittagssonne einfangen. Markierte Radwege folgen dem Wasser durch die Weinzeilen, vorbei an Weinpressen und kleinen Kellertüren, die zur Saison zur Gasse hin öffnen.
Wiesbaden, die Landeshauptstadt, entstand rund um seine heißen Quellen. Schon die Römer bauten hier Thermen, und die Bäderkultur der Stadt hat seither nie wirklich aufgehört – dasselbe warme Mineralwasser steigt noch heute aus dem Boden und speist die Brunnen und Badehäuser, die den alten Straßen ihre elegante, leicht förmliche Atmosphäre verleihen. Breite Boulevards, Stuckfassaden und ein Casino mit Kuppel gehören zu diesem selben Kurstadt-Charakter.
Darmstadt, nicht weit südlich, schlug einen anderen Weg ein. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtete dort eine Gruppe von Künstlern und Architekten die Künstlerkolonie Mathildenhöhe, eine Ansammlung von Häusern, Ateliers und einem Hochzeitsturm auf einem Hügel, angelegt als ein einziges künstlerisches Statement. Das Ergebnis ist ohne Vergleich in der Region: Jugendstil-Schwünge, Mosaikfliesen und Gärten, die auf die umgebenden Gebäude abgestimmt sind.
Im Norden faltet sich der Taunus zu bewaldeten Höhenzügen und offenen Gipfeln, mit dem Feldberg als höchstem Punkt. Wege führen durch Buchenwald hinauf und öffnen sich auf grasbewachsene Kuppen mit Blick zurück auf die Täler von Rhein und Main. Am Fuß des Gebirges pflegt Bad Homburg seine eigene Kurtradition, mit einem Park, der um Mineralquellen herum angelegt ist, und einem Kurhaus in seiner Mitte.
Marburg liegt an der Lahn, seine Altstadt zieht sich einen steilen Hügel hinauf, unterhalb einer Burg, die seit Jahrhunderten über die Flussüberquerung wacht. Enge Gassen steigen zwischen Fachwerkhäusern zur Elisabethkirche hinauf, einer der frühesten gotischen Kirchen, die in Deutschland errichtet wurden, und die Universität, die die Stadt seit dem sechzehnten Jahrhundert prägt, ist regelrecht in die Straßen eingewoben, statt von ihnen abgesetzt zu sein.
Hessen trägt auch einen starken Faden Märchengeschichte in sich. Die Brüder Grimm arbeiteten den größten Teil ihres Lebens in Kassel, sammelten und bearbeiteten dort die Volksmärchen, die sich später über die ganze Welt verbreiteten, und der Ort, in dem sie aufwuchsen, Steinau an der Straße, bewahrt noch immer ihr Elternhaus. Kassel selbst beherbergt den Bergpark Wilhelmshöhe, eine Hügellandschaft, angelegt um Wasserkaskaden und gekrönt von einer riesigen Herkules-Statue, deren Fontänen an festgelegten Tagen während der wärmeren Monate laufen.
Weiter östlich entstand Bad Hersfeld um eine Benediktinerabtei, deren Kirche nach einem Brand vor Jahrhunderten ohne Dach zurückblieb. Das zerstörte Kirchenschiff beherbergt heute jeden Sommer ein Freilicht-Theaterfestival, und an Aufführungsabenden füllt sich die Fachwerk-Altstadt drumherum. Fulda, ganz in der Nähe, bewahrt sein barockes Domviertel und ein Netz stiller Gassen, die zum Gehen angelegt sind statt für den Verkehr.
Wein, Wasser und Wald wiederholen sich in Hessen in immer neuen Kombinationen. Sowohl das Rhein- als auch das Lahntal bieten Radwege entlang alter Treidelpfade, mit leichten Steigungen, die durch Weinbaudörfer und unter Burgruinen hindurchführen. Der Herbst bringt die Weinlese in den Rheingau, mit laufenden Pressen und jungem Wein, noch trüb und süß, der glasweise auf den Dorfplätzen verkauft wird. Frühling und Frühsommer eignen sich für die Taunuswege, wenn die Buchenwälder frisch grün sind und die Höhenwege kühl bleiben. Kurstädte wie Wiesbaden und Bad Homburg halten ihre Badehäuser das ganze Jahr über geöffnet, was der Region einen Rhythmus gibt, der nicht von einer einzelnen Jahreszeit abhängt.
Was Hessen zusammenhält, ist diese Mischung aus gebauter und gewachsener Landschaft: Burghügel, die über Weinterrassen stehen, Kurparks, angelegt neben Waldhöhenzügen, und kleine Städte, in denen der Fachwerkkern und das umgebende Land sich wie ein einziger, durchgehender Ort anfühlen statt wie ein Reiseziel und sein Umland.